Gutes tun

"Verzeihung, bevor jemand Sie darauf anspricht, der wesentlich weniger nachsichtig, einfühlsam und beredt  ist, als ich es bin, möchte ich

diesen Moment, der uns just zusammenführt, nicht ungenutzt lassen, Sie - und ich Sieze Sie ganz selbstverständlich und duze Sie nicht etwa, wie es wohl den meisten einfiele -  möchte ich diesen Moment jedenfalls nicht ungenutzt lassen, Sie in aller gebotenen Höflichkeit darauf aufmerksam zu machen, dass Sie, ob Sie sich dessen bewusst sind oder vielleicht auch nicht, mag ja sein, sollte Ihnen daran gelegen sein, gesellschaftliche Akzeptanz zu erfahren, jede sich bietende Möglichkeit nutzen oder ganz unbedingt und umgehend höchstselbst eine schaffen sollten, ein ausgiebiges Bad zu nehmen."

Bewundernd und dankbar, denn anders kann es gar nicht sein, schaut der soeben von mir Besprochene zu mir auf. Wäre es in Anbetracht des selbstlosen, ihm soeben erwiesenen Dienstes nicht so abwegig, hätte ich gemeint, ein "Verschwinde, du stinkst" aus seinem kariösen Mund vernommen zu haben, bevor er, in seinem, mit löchrigen und knittrigen Plastiktüten behangenen, vom Verfall bedrohten Rollstuhl sitzend, einen Wagen weitertrippelt, wo er, darauf achtend, nicht über das seine Beine bedeckende Lappencarpaccio zu fahren, den nächsten naserümpfenden, kopfschüttelnden Passagieren seinen kleingeldkargen Kaffeebecher entgegenstreckt, der an deren Barmherzigkeit oder wahlweise an den geldwerten Wunsch appelliert, die Gesellschaft des Rollstuhltripplers nicht länger ertragen zu müssen, als es möglich ist, die Luft anzuhalten.

 

Überzeugt, dass ein paar Münzen - die zu geben mir selbstverständlich keinen nennenswerten Nachteil hätten entstehen lassen - keinesfalls den Wert meiner moralischen Großmut aufzuwiegen in der Lage gewesen wären, die dem hiervon Begünstigten soeben zuteil wurde, steige ich mit einem wohligen Gefühl aus - entschlossen, auch den Rest meines Tages ganz in den Dienst der Charity zu stellen. Aber erst einmal gönne ich mir ein ausgedehntes Frühstück in der besten Brasserie der Stadt. Denn über all der Barmherzigkeit darf man eines nie vergessen: sich selbst.