Ganesh vs. the Third Reich: Und Scott muss Hitler spielen

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Foto: © Jeff Busby

 

Christian Holtzhauer, dem Intendanten des Kunstfestes Weimar, gebührt Dank. Dank für einen wundervollen Abend inmitten Perverser, die sich nicht sattsehen können an Behinderten, Hitler und einem indischen Elefantenkopf. Oder anders: An der Erfolgsproduktion "Ganesh vs. the Third Reich“ des australischen Back to Back Theatre, das zu Down Unders international erfolgreichsten Theaterensembles zählt.

 

Mithilfe von Sponsoren gelang es Holtzhauer und seinem Kunstfestteam, die Compagnie unter künstlerischer Leitung Bruce Gladwins für deren deutschlandweit einziges Gastspiel zu gewinnen. In Weimar also. Jene Klassikerstadt in Thüringen, die wie so viele und vielleicht mehr als andere darum kämpfen muss, sich des stinkenden braunen Stempels zu entledigen, den die Nationalsozialisten hinterließen. Sich mit dem in Weimar präsenten Thema des Dritten Reiches und seiner Verbrechen auseinanderzusetzen, hat Holtzhauer mit der Aufführung von "Ganesh vs. the Third Reich" einen ganz besonderen Weg gewählt.

 

Ein Schmunzeln konnte sich der neue Kunstfest-Intendant nicht verkneifen, als er den Unterstützern dankte, zu welchen auch das Weimarer Hotel Elefant zählte, das der Inszenierung auf ganz eigene Weise verbunden sei. Im Publikum schmunzelte es hier und da mit. Schüchtern. Mit Uiuiui-Unterton. Schließlich war bekannt, worum es im Stück unter Regie von Bruce Gladwin gehen sollte, das dort gleich auf der Bühne des Deutschen Nationaltheaters aufgeführt würde: Um die Theaterprobe geistig behinderter Darsteller, die unter einem vermeintlich nicht-behinderten Regisseur ein selbst erarbeitetes Stück über die elefantenköpfige Hindugottheit Ganesha auf die Bühne bringen wollen, die 1943 nach Nazideutschland reist, um die von den Nazis geraubte und entfremdete Swastika zurückzuerobern. Dabei wird die Probe immer wieder von hitzigen Diskussionen über die Rollenverteilung, über eine verantwortungsvolle Erzählweise und über Macht- und Kontrollmechanismen unterbrochen.

 

Ein Stück im Stück also, das sich per se auf mehr als einer Ebene abspielt. Dass die gesamte Inszenierung allerdings auch auf mehr als einer Ebene berührt, ist nicht etwa zwingend dramaturgische Konsequenz, sondern allein dem Back to Back Theatre zu verdanken. Der von ihnen im Stück gespielten Theatergruppe gleich, zählen auch zum Back to Back-Ensemble überwiegend Darsteller mit geistiger Behinderung. Autisten ebenso wie Menschen mit Down- oder Tourette-Syndrom, die ihre Beeinträchtigungen (schau)spielerisch einsetzen, um vermeintlich Nicht-Benachteiligte zum Nachdenken zu bringen.

 

Darüber, dass es andere Beeinträchtigungen gibt, die vielleicht nicht gleich offensichtlich sind, im Ergebnis aber manchmal gravierender. Unangenehmer. Beschränkender. Wie etwa die Aggressions- und Wutanfälle des Regisseurs im Stück (Luke Ryan), der zunehmend die Kontrolle verliert, die er meinte, zu haben. Sind die Ausbrüche dieses vermeintlich Behinderungs-Losen nicht viel mehr Hemmnis, als Scotts (Scott Price) Tourettesyndrom etwa und dessen Weigerung, den „Schnurrbartmann“ zu spielen? Sind die Wutanfälle des Regisseurs nicht viel probenbelastender als Brians (Brian Tilley) Autismus`, dessentwegen er sich mit manuskriptgeforderten Liebesbekundungen schwer tut? Und ist es vielleicht gar nicht Mark (Mark Deans), der aufgrund seines Down-Syndroms Probleme damit hat, Fiktion und Wirklichkeit auseinanderzuhalten, wie von Scott vermutet, sondern sind es vielleicht die Zuschauer? Ist man es selbst? Weil man eben nicht weiß, ob das mehrfache, saallaute Soufflieren an den autistischen Simon (Simon Laherty) dessen Behinderung oder aber der Inszenierung geschuldet ist; Weil man eben nicht einschätzen kann, ob Mark die Regieanweisung tatsächlich nicht versteht oder dies nur vorgibt, weil das von „einem wie ihm“ vermutlich erwartet wird. Und sind Besucher eines überwiegend von geistig behinderten Darstellern aufgeführten Theaterstücks über Hitler und eine elefantenköpfige Gottheit nicht tatsächlich ein bisschen freakshowaffine Perverse, wie vom Regisseur im Stück behauptet?

 

Wer empfindet sich selbst als politisch korrekten, nicht-behinderten Mensch und deswegen nur begrenzt imstande, Witze über Benachteiligte wirklich lustig zu finden? Das Ensemble des Back to Back Theatre jedenfalls nicht. Einhundert Minuten leisten sie auf der Bühne des DNT großartige, witzige, mal mehr mal weniger subtile, stets intelligente, tiefsinnige, (selbst)reflexive und entwaffnende Überzeugungsarbeit.

Theater, das auf mehr Ebenen berührt, als erwartet und vielleicht auch als gewollt. Denn so wie Ganesha im Stück begreifen muss, dass er die Swastika zwar zurückholen kann, diese aber auf ewig mit den Gräueltaten des Nationalsozialismus befleckt sein wird, so muss auch das Publikum an diesem Abend begreifen, dass Behinderung nicht immer eine Diagnose braucht und dass die ohne Diagnoseschlüssel manchmal die schlimmeren, die eigentlichen Behinderungen sind. GANZ GROSSES Theater und gelungene Inklusion mal andersrum!

 

Das Kunstfest Weimar dauert übrigens noch bis zum 07. September an – und auch, wenn das Back-to-Back-Ensemble schon wieder abgereist ist, lohnt es sich, vorbeizuschauen. Genauso wie nachzudenken. Aber das lohnt ja ohnehin.

 

Mark Deans: ganz grosses Theater von Down (Syndrom) Under!          v.l. Scott Price, Simon Laherty, Brian Tilley, Mark Deans, Luke Ryan                              want back to Back to Back!

 

Fotos: © Anika Wagner