Tiger Girl: Gibt gleich auf die Fresse! Und zwar grundlos.

Copyright: © 2017 Constantin Film Verleih GmbH / Fogma

 

Anders als bei Deichkind klingt Krawall und Remmidemmi bei Regisseur Jakob Lass nicht gerade nach Yippie Yippie Yeah, sondern nach Klatschen ohne zu applaudieren. So zumindest in seinem neuen Film „Tiger Girl“, der gerade in den deutschen Kinos angelaufen ist.

Wie bereitet man sich auf einen Abend vor, von dem man weiß, dass es ordentlich auf die Fresse geben wird?

Im Fall von "Tiger Girl" wohl mit Snacks und Schraubgetränk - so, wie man sich eben für einen Kinobesuch präpariert. Genau dort nämlich ist "Tiger Girl", der Überraschungserfolg der diesjährigen Berlinale, soeben angelaufen. Klingt erstmal so, als könnte beim Konsumieren nicht viel falsch gemacht werden:

 

(Inhaltsangabe kurz)

Zwei Freundinnen ziehen pöbelnd, randalierend und prügelnd durch Berlin. Einfach so.

 

(Inhaltsangabe lang)

Nachdem die regelkonform lebende und stets zuvorkommende Margarete (Maria Dragus) die Aufnahmeprüfung der Polizei im wahrsten Sinne des Wortes verbockt, beginnt sie eine Ausbildung bei einem privaten Sicherheitsdienst. Eines Tages trifft sie auf Tiger (Ella Rumpf), die nicht nur optisch so ziemlich das komplette Gegenteil von ihr darstellt. Die unberechenbare, risikofreudige, unangepasste, konfliktaffine, gewalterfahrene und haste-nich-gesehen-rotzige Tiger (Anm.: Rumpf ist Trumpf!) nimmt sich der nach Zugehörigkeit und Aufmerksamkeit sehnenden Margarete an.(Anm.: Dragus ist auch Trumpf! Es reimt sich nur nicht so schön.)

Zuerst verpasst sie ihr einen neuen Namen (Vanilla) und dann ein neues Wertesystem, in dem sie ihr Leben radikal in andere Bahnen lenkt. Letztendlich in noch radikalere als es ihre eigenen sind.

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Mumble in the Jungle

Darum also geht es im neuen Film von Regisseur Jakob Lass, Münchner und Mumblecorer. Erklärung gefällig? Bitte sehr:

 

Münchner = Einwohner der Stadt München

Mumblecore = Bezeichnung für Indie-Produktionen mit wenig Budget und hohem DIY-Faktor, erreicht durch teils wackelig-dokumentarische Kameraführung, oft improvisierte Dialoge und ein vages Drehbuch.

 

Wie schon Lass` letzter Film, der vielfach umjubelte „Love Steaks“, zählt auch "Tiger Girl" zum Mumblecore. Und wie bei "Love Steaks", sind auch dieses Mal neben Jakob Lass (Regisseur / Autor) wieder Ines Schiller (Produzentin / Autorin) und Golo Schultz (Produzent / Komponist) Teil der Mumblecorecrew. Mumble in the Jungle also – und das über neunzig Minuten. Auf diese Dauer nämlich wurden die über 120 Stunden "Tiger Girl" - Drehmaterial komprimiert, um den Film kinoabendtauglich zu machen.

Reingepackt wurde dann natürlich, was geht: 

Schnelle Schnitte; Martial Arts; teils comichafte Überhöhungen; Elektropop; eine Kameraführung, die weder zu gewollt noch zu gekonnt wirkt sowie ein Cast, der die Produktion im besten Sinne eckig und kantig macht und dadurch in sich rund wie` n Buslenker. Mit einem Drehbuch, das lediglich als dramaturgisches Skelett dient und auf Dialoge verzichtet, um so viel Raum für künstlerische Freiheit zu bieten, befolgt Lass` genau die Regeln des FOGMA-Manifests, das er, Ines Schiller und Golo Schultz in Anlehnung an das dänische Manifest Dogma 95 gründeten.

Dogma is so `95 ... Lass ma FOGMA gründen

Für eine neue Freiheit des Filmemachens - das ist es, wofür FOGMA steht. Für ein Ja zum Experimentieren und zur Risikobereitschaft. Weg von Konventionen, hin zu Improvisationen.

Glücklicherweise, das sei an dieser Stelle eingefügt, sind die Kampfszenen in "Tiger Girl" nicht improvisiert. Die Dialoge indes schon. Und gerade diese unterhalten großartig. Allen voran jene, in denen der sich selbst spielende Ausbilder des privaten Sicherheitsdienstes zu Wort kommt. Da möchte man direkt selbst auch irgendwas mit Sicherheit werden, ginge es da immer so erheiternd zu. Nach 90 Minuten ist dann aber irgendwie auch alles gesagt: Nicht nur Männer teilen aus und nicht nur Frauen stecken ein. Auch `ne Art von Gleichberechtigung, wenn auch alles andere als die feine oder erstrebenswerte.

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Der Film hinterlässt keine Fragen - allenfalls ein Ausrufezeichen in Form eines Baseballschlägers. Man erfährt nicht, woher Tiger und Vanilla kommen oder wohin sie gehen. Die Suche nach Gründen, warum sie so sind wie sie sind, scheint kein Thema zu sein beziehungsweise ohnehin aussichtslos. Keine Ahnung, ob es Anliegen des  Filmteams, das Publikum mit „Bock, irgendwas kaputtzumachen … `nen Autospiegel abzutreten oder so“ in den Abend zu schicken. Falls dem so gewesen sein sollte - Glückwunsch: Einige im Zuschauerraum äußerten genau dieses Begehr. Richtig ernst genommen haben es die anderen Anwesenden nicht. Das liegt wohl am Film, der für eine Doku zu fiktional ist und zu unterhaltsam, um ein ernsthaftes Problembewusstsein entwickeln zu können. Aber das war vermutlich auch gar nicht Ziel. Falls doch, wär`s halt verfehlt.