Einfache Entscheidung

Beiläufig klemmst du dir den Kopfhörer zwischen Ohr und Schulter. Die Routine macht ein Korrigieren überflüssig - wie er klemmt, klemmt er richtig. Schaust, konzentrierter als du müsstest, auf das Display deines Laptops. Sicher hast du längst gefunden, wonach du, Repertoire und Software genauestens kennend, vermutlich gar nicht suchen musstest. Passgenau drehst du das nächste Lied ein. Keine vorbereitete, ignorante Liste, die einfach durchläuft: Ein paar Stützen vielleicht, aber die

einzelnen Steine fügst du im Laufe des Abends erst zusammen. Strukturen sind Fundament, werden Chalet, später Palais. Tracks schmiegen sich aneinander, schlingen sich umeinander, verketten sich ineinander. Begleitet werden sie von kleinen Lichtpunkten, die aufgeregt und unentschlossen durch den Raum hüpfen - über Körper hinweg und unter Füßen hindurch - bevor sie sich zu Kreisen, Strahlen, Kegeln oder Netzen formieren und die Nebelmaschine ankündigen, die lustlos aber wirkungsvoll in den Raum faucht. Jetzt, wenn das Licht aus ist, es nur künstlich aufblitzt dann und wann, bist du am schönsten; dann, wenn dich der Nebel einhüllt und mich der Wein. Immer mehr nachtbereite Körper, die du über die Regler, Hebel, Schalter und Tasten deines Mischpults fernzusteuern scheinst. 

Alle Bewegungen - alle deine und alle ihre - sind eine; machen Sinn. Alle Wünsche erfüllt, bevor sie überhaupt Gedanken sind. Und trotzdem muss ich dich das fragen: Wenn du nur ein Lied hättest, jemanden zum Bleiben zu bewegen? Keinen Rausschmeißer, weil gleich das Putzlicht angeht, sondern einen Dableiber, trotzdem es bereits angegangen ist. Welches wäre es? Welches wäre das Lied, das du um jeden Preis würdest spielen wollen. Von dem du keine Sekunde hergeben, keinen Ton verschenken würdest? Das letzte Lied, bevor die Nacht sich abschminkt und der Morgen Alltag aufträgt. Genau dieses Lied wünsche ich mir. Du schaust mich an. Erst überrascht, dann verstehend, wie dein Nicken vermuten lässt. Wirkst nicht, als müsstest du überlegen oder abwägen. Zögerst nicht - beugst dich über die Tastatur deines Laptops und gibst entschlossen ein paar Buchstaben ein ... die falschen. Ich gehe.