Dringliches Ersuchen

 

Dringliches Ersuchen

 

So schwer es mir fällt, dich darum zu bitten, so sehr muss ich es tun. Es zu unterlassen, ist mir, ganz gleich, wie gern ich von dieser, mir bequemeren Option auch weiterhin Gebrauch machte, nicht länger möglich.

 

Deswegen also frage, nein, bitte ich dich, oder, sollte das nicht genug sein, flehe dich an: Würdest du mir kurz deine ungeteilte Aufmerksamkeit schenken? Nur für einen Moment? Wissend, dass mir das Bitten um diesen Gefallen unmöglich schwerer fallen kann, als dir, mir selbigen zu erweisen, will ich dir natürlich entgegenkommen. Schließlich bist du mir, wie du vielleicht mitbekommen hast, nicht unwichtig. Ich werde deine Aufmerksamkeit also nur kurz beanspruchen. Tatsächlich ist sie fast schon ab dem Augenblick nicht mehr vonnöten, da ich mir ihrer sicher sein darf.

 

Und? Darf ich? Darf ich dein Nicht-Kopfschütteln ebenso wie dein Nicht-Weggehen als Zustimmung deuten? Dein Schweigen als Synonym für ein "Ja."? Oder wenigstens für ein "Meinetwegen.", ein "Mach halt."? Gut. Danke. Wie versprochen wird deine Aufmerksamkeit nur einen Moment benötigt. Genau genommen zwei Worte lang - und zwar diese:

 

Lies weg.

 

Das war´s schon. Einfach weglesen, ist alles, worum ich dich bitte.

 

Na, beruhigt? Erleichtert, dass ich dir nichts komplett Abwegiges abverlange; etwas, das Du nicht erfüllen kannst - zudem so problemlos? Ich sagte ja, dass du mir nicht unwichtig bist. Da weiß ich selbstverständlich, was dir möglich ist. Mehr will ich gar nicht von dir; nicht mehr.

 

Nur das: Lies nicht hin. Ja, machst du das? Erweist mir diesen Gefallen und liest weg? Lies halt irgendwo anders hin, Hauptsache nicht in Richtung meiner Zeilen. Denn dafür waren sie weder gedacht noch geschrieben, einfach von dir weggelesen zu werden; die Asche deines erloschenen Interesses auf ihnen zu hinterlassen.

 

Deswegen bitte ich dich, flehe dich an - lies weg! Lies so weit weg, wie es eigentlich gar nicht geht. Schau nicht mal hin. Du kannst das. Es ist deine spezielle Gabe, nicht hinzuschauen. Nur dieses Mal schau bitte noch mehr nicht hin, als du es ohnehin schon tust. Schau so sehr nicht hin, wie nie zuvor jemand nicht hingeschaut hat. Obwohl ich bezweifle, dass jemand noch intensiver nicht hinschauen kann, als du.

 

Schon verrückt: Dass ich mir etwas, das mit dir zu tun hat, nicht vorstellen kann. Immerhin war ich mal die Person, die sich alles, wirklich alles, vorstellen konnte. Aber ganz so andauernd, so konsequent, wie du im Nicht-Hinschauen warst, bin ich im Alles-Vorstellen dann wohl doch nicht. Deswegen, bitte, sei so gut und lies einfach weg; kümmere dich nicht um meine Worte.

 

Oh. Okay. Gut. Wie ich sehe, hast Du verstanden, was ich meine. Na dann, danke. Dafür, dass du mir diesen Gefallen anstandslos erwiesen hast. Es war der letzte, um den ich dich bat. Versprochen.